Wenn Hunde zu Seelenverwandten werden

Erwachsener Mensch sitzt ruhig mit seinem Hund auf dem Sofa – emotionale Nähe im Alltag

Viele Menschen empfinden ihren Hund längst nicht mehr nur als Haustier, sondern als zentrale Bezugsperson. Eine neue psychologische Studie zeigt nun, wie weit diese emotionale Verschiebung reicht, warum Hunde für viele Menschen zu emotionalen Seelenverwandten geworden sind– und welche gesellschaftlichen Fragen sie aufwirft.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Hunde für manche Halter Rollen übernehmen,
die früher engen menschlichen Beziehungen vorbehalten waren.


Hunde als Seelenverwandte

In der Studie, durchgeführt von Forschenden der University of North Carolina und der
Ohio State University, geben rund drei Viertel der befragten Hundebesitzer an,
ihren Hund als wichtigste Quelle emotionaler Unterstützung zu erleben.

Viele beschreiben ihre Beziehung zum Tier mit Begriffen,
die üblicherweise engen menschlichen Bindungen vorbehalten sind:
Vertrautheit, bedingungslose Akzeptanz, tiefe Verbundenheit.
Die Autorinnen und Autoren sprechen von einer „Soulmate“-Beziehung – nicht romantisch,
sondern im Sinne einer einzigartigen emotionalen Nähe.

Besonders ausgeprägt ist dieses Muster bei Menschen ohne eigene Kinder.
In dieser Gruppe sehen viele ihren Hund explizit als Ersatz für klassische
familiäre Bindungen.


Wenn emotionale Nähe moralische Entscheidungen beeinflusst

Die Studie bleibt nicht bei Selbstauskünften stehen.
In mehreren Experimenten wurden Hundebesitzer mit moralischen Entscheidungssituationen
konfrontiert: Wem würden sie helfen, wenn sie sich entscheiden müssten –
einem Menschen oder einem Hund?

Die Ergebnisse sind deutlich.
Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, im Ernstfall das eigene Tier
gegenüber einem fremden Menschen zu bevorzugen.
Rund jede fünfte Person entschied sich sogar dafür,
das Leben eines unbekannten Welpen dem eines menschlichen Fremden vorzuziehen.

Auch bei finanziellen Entscheidungen zeigte sich ein ähnliches Muster:
Spenden gingen häufiger an Tierschutzorganisationen als an Hilfsangebote für Menschen,
insbesondere wenn die emotionale Bindung zum eigenen Hund stark ausgeprägt war.


Gesellschaftlicher Kontext: Haustiere statt Kinder?

Die Forschenden ordnen diese Ergebnisse in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang ein.
Analysen auf nationaler und regionaler Ebene zeigen,
dass steigende Ausgaben für Haustiere mit sinkenden Geburtenraten einhergehen.

Die Studie interpretiert diesen Zusammenhang vorsichtig.
Sie legt nahe, dass Haustiere – insbesondere Hunde –
für viele Menschen Funktionen übernehmen, die früher stärker durch Kinder,
Partnerschaften oder enge Gemeinschaften erfüllt wurden.

Hunde gelten dabei als besonders geeignete emotionale Begleiter:
Sie zeigen Nähe, Abhängigkeit und Zuneigung,
ohne die Konflikte oder Erwartungen mitzubringen,
die menschliche Beziehungen oft begleiten.


Einordnung: Nähe zum Tier, Distanz zum Menschen?

Die Autorinnen und Autoren betonen, dass ihre Ergebnisse keinen einfachen
Ursache-Wirkungs-Zusammenhang belegen.
Die Daten sind korrelativ.
Dennoch werfen sie eine unbequeme Frage auf:
Könnte die wachsende emotionale Aufwertung von Haustieren
mit einer schwindenden Bindung an andere Menschen einhergehen?

Die Studie deutet darauf hin,
dass starke Bindungen an Hunde nicht nur zusätzliche Nähe schaffen,
sondern Aufmerksamkeit, Zeit und moralische Ressourcen
von menschlichen Beziehungen abziehen können.

Gleichzeitig erkennen die Forschenden ausdrücklich die positiven Seiten der Mensch-Tier-Beziehung an:
emotionale Stabilität, Stressreduktion, Struktur im Alltag.
Die Frage ist weniger, ob diese Bindungen wertvoll sind –
sondern welche Rolle sie in einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft spielen.

Weitere wissenschaftliche Einordnungen zu Mensch-Tier-Beziehungen finden Sie in unserem Blog.


Fazit

Hunde sind für viele Menschen mehr als Begleiter. Die Studie macht deutlich, dass Hunde als Seelenverwandte für viele Menschen eine zentrale emotionale Rolle einnehmen und somit einen wachsenden Teil der Gesellschaft zu emotionalen Fixpunkten geworden sind – mit Auswirkungen auf Prioritäten, Moralvorstellungen und möglicherweise auch auf soziale Strukturen. Diese besondere Mensch-Hund-Bindung verändert, wie Nähe, Verantwortung und Moral wahrgenommen werden.

Ob diese Entwicklung menschliche Beziehungen ergänzt,
ersetzt oder langfristig verändert,
bleibt eine offene Frage.
Klar ist jedoch:
Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist längst nicht mehr nur privat,
sondern gesellschaftlich relevant.


Quelle

Zur Originalstudie
Dillion, D., Devine, H., Gray, K. (2025): Pet owners often see dogs as soulmates and value them more than human lives,
Scientific Reports.

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